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Jun 23 2011

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Planung ist alles, Teil 2

Gestern ging es primär erst einmal um die Entscheidung „Tun wirs, oder lassen wirs?“, aufbauend auf einem konkreten Jobangebot. In Grundzügen kann man solche Überlegungen natürlich auch ohne treffen, allerdings geht man dann natürlich ein erheblich höheres Risiko ein. In Deutschland wird zwar trotz hoher Arbeitslosigkeit über Fachkräftemangel wehgeklagt, wohingegen dieser in der Schweiz auch real ganz massiv vorhanden ist (die für Schweizer Sichtweise vergleichsweise hohe Arbeitslosenquote von etwa 3 Prozent wäre in Deutschland fast schon als Vollbeschäftigung zu bezeichnen). Dennoch ist man am Schweizer Arbeitsmarkt nur mit einer hohen Qualifikation für potenzielle Arbeitgeber von Interesse. Mit einem reinen Ausbildungsberuf ohne akademisches Tüpfli oben drauf, bzw. ohne irgendwelches hochseltenes Spezial-Knowhow, rangelt man durchaus mit etlichen hundert anderen Bewerbern um die gleiche offene Stelle, und dreimal dürft ihr raten, wer da wahrscheinlich den Zuschlag erhalten wird.

Komfortabler ist es also in jedem Fall, wenn man schon eine Stelle in der Schweiz in petto hat. Es ist zwar prinzipiell möglich, auch als Stellensuchender eine Aufenthaltsbewilligung zu bekommen (immer unter der Voraussetzung, EU-Bürger zu sein), diese ist jedoch in aller Regel dann auf maximal ein Jahr befristet (also L-Bewilligung), und man muss seinen Lebensunterhalt auf jeden Fall ohne amtliche Hilfe bestreiten. Schlimmer noch: hat es dann innerhalb des Bewilligungzeitraums mit der Jobsuche nicht geklappt, ist es unwahrscheinlich, dass die Bewilligung verlängert wird, ergo müsste man wieder ausreisen. Muss letztendlich jeder für sich selbst entscheiden, meins wärs nicht.

Gehen wir nun einmal davon aus, ihr habt euch für den neuen Lebensabschnitt in der Schweiz entschieden (muss ja nicht notwendigerweise auf Dauer angelegt sein, vielfach wollen Menschen auch einfach nur mal für einige Jahre etwas Umgebungsänderung mit Auslandserfahrung kombinieren). Dann kommt auf jeden Fall jetzt eine Menge Arbeit zu, die bis zum ersten Arbeitstag in der Schweiz bewältigt werden will, und die man sehr grob in drei Phasen unterteilen kann: erstens vor der Auswanderung, zweitens das eigentliche Zügeln, und drittens nach der Ankunft. Für viele mag das auf den ersten Blick sehr überschaubar erscheinen, „ist doch auch nicht viel anders als von Stadt A in Stadt B umzuziehen (Helvetismus: zu zügeln)“. Das ist jedoch ein weit verbreiteter Irrtum, denn zum einen handelt es sich um ein anderes Land („schlimmer noch“: sogar um ein Land ausserhalb der EU), zum anderen wirkt sich hier die von den Schweizern vielgerügte Arroganz von „denen da drüben aus dem grossen Kanton“ aus – auch wenn zumindest in einem relativ grossen Teil der Schweiz, der sogenannten Deutschschweiz, Hochdeutsch die Amtssprache ist, so trifft man hier doch auf sehr vielfältige kulturelle Unterschiede zwischen den Deutschen und den Schweizern, egal wie subtil diese auf den ersten Blick auch wirken mögen. Unter anderem diese Unterschiede bedingen es, dass man sich auf die Auswanderung hierhin nicht vollkommen unvorbereitet einlassen sollte.

Mal wieder eine Faustregel: je besser ihr euch vorbereitet, je besser ihr über die Unterschiede und die Abläufe auf den verschiedenen Ämtern, die unterschiedlichen sozialen Systeme etc. informiert seid, desto reibungsloser wird das Unterfangen ablaufen, und umso freundlicher und offener wird man euch aufnehmen. Das Motto „lassen wir es mal auf uns zukommen“ wird gerade uns Deutschen hier schnell mal als typische Arroganz ausgelegt – kein gutes Startsignal, würd ich mal behaupten, gell.

Von daher: Planung ist alles.

In den angesprochenen drei Phasen wiederum sind etliche Dinge zu erledigen und zu regeln. Wiederum recht grob kann man das aufteilen in

  • Passende Mietwohnung in der Schweiz finden (Hauskauf ist mal wieder ein Thema für sich)
  • Alte Mietwohnung kündigen bzw. Haus verkaufen bzw. Mieter für eigenes Haus suchen
  • Finanzielles sowohl in der alten wie der neuen Heimat regeln
  • Versicherungstechnisches in alter und neuer Heimat regeln
  • Sofern schulpflichtige Kinder mit von der Partie sein sollten: Schulab- und Schulanmeldung
  • Umzug organisieren (inkl. Fahrzeuge)
  • Ausweisangelegenheiten regeln

In jeder Kategorie wiederum finden sich individuell unter Umständen etliche Teilaufgaben, und viele der Einzelaufgaben setzen voraus, dass andere Dinge zuvor erledigt worden sind.

In unserem Fall kam dann noch hinzu, dass wir Ende Oktober feststellten, die Auswanderung in die Schweiz zwar als Paar zu beginnen, dort aber dann ab Ende Juni als kleine Familie Verstärkung durch unser erstes Kind zu bekommen. Das bestärkte insbesondere mich darin, die Idee einer guten und ausführlichen Planung mit einer umfangreichen Checkliste als gut und wichtig zu befinden. M. und ich einigten uns der Einfachheit halber darauf, dass sie sich um alle Aspekte der Schwangerschaft und des Nestbaus kümmern würde, während ich den Part der Auswanderung übernehmen würde, wobei wir uns regelmässig gegenseitig sozusagen ins aktuelle Bild setzen würden. Das hat in der Retrospektive betrachtet hervorragend funktioniert und uns beide doch sehr entlastet.

Meine Checkliste mit all unseren offenen Punkten entstand primär unmittelbar nach der Vertragsunterzeichnung, war allerdings auch einem steten Wandel unterworfen. Es sind immer wieder mal neue Punkte hinzugekommen, und andere Dinge, von denen wir zuerst dachten, dass sie unbedingt noch zu erledigen wären, fielen ab und zu auch mal einfach wieder durchs Raster. Der Einfachheit halber habe ich eine vollkommen unpriorisierte Offene-Punkte-Liste in Word erstellt, die zum Schluss gut gefüllte fünf Din-A4-Seiten umfasste. Bis auf die wenigen Punkte, die die erfolgreiche Geburt unserer Kleinen voraussetzen, ist die Liste per Stand heute quasi vollständig abgearbeitet, auf einen Zeitraum von ca. 4 Monate vor der Auswanderung und knapp drei Monate nach der Auswanderung gestreckt.

In den nächsten Tagen werde ich euch nach und nach die wichtigsten Punkte vorstellen, denn vielfach liegt der Teufel im Detail, und so manche hilfreiche Info kommt einem nicht zugeflogen, sondern erfordert harte Recherche in der vermeintlich allwissenden Müllhalde.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.caits.de/2011/33/planung-ist-alles-teil-2

1 Kommentar

  1. Marcelo

    Netter Artikel. Sicher kein Fehler, sich mit dem Thema im detail zu beschaeftigen. Ich werde sicher die weiteren Posts im Auge behalten.

Kommentare sind deaktiviert.