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Jun 25 2011

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Die Finanzen regeln

Parallel zur Wohnungssuche begannen wir ab Anfang Dezember 2010 unsere finanziellen Angelegenheiten zu regeln. Darunter fasse ich Dinge wie die Sichtung und das Kündigen alter Verträge, erste Informationssammlung für eine Bankverbindung in der Schweiz, Anfragen um verbindliche Auskünfte bei Versicherungen, die man auch in der Schweiz aufrecht erhalten möchte und andere Dinge dieser Art. Man macht sich nämlich keine Vorstellung davon, was sich da alles im Laufe der Jahre ansammelt, und es ist einfach ärgerlich, wenn man vergisst einen Vertrag (z.B. Mobilfunk-Abo) rechtzeitig zu kündigen und dann weiterhin drin „festhängt“, obwohl man die Leistung gar nicht mehr in Anspruch nehmen kann.

Bestandsaufnahme

Ich kann daher einfach nur empfehlen, erst einmal eine Bestandsaufnahme zu machen, welche festen Verträge alle Haushaltsmitglieder laufen haben. Das fängt bei Telefon/Internet an, geht über die verschiedenen Mobilfunk-Abos, Haftpflicht- und Kfz-Haftpflicht, Hausrat bis hin zu allen erdenklichen Formen der privaten Vorsorge (Rente, Leben, Berufsunfähigkeit, und – Gott bewahre – Riester) und noch etliche andere Dinge, die ich noch nicht genannt habe.

Verträge und Versicherungen

Sobald man weiss, welche Verträge man noch am Bein hat, gilt es zu sondieren, welche davon zu welchen Zeitpunkten zu kündigen sind. So darf man im Regelfall davon ausgehen, dass die private Haftpflicht sowie die Hausratversicherung zu den zu kündigenden Posten zählen, da man diese in der Schweiz neu abschliessen wird (im Regelfall kündigt die Versicherung ansonsten von sich aus, sobald man ihnen den neuen festen (und einzigen) Wohnort „Schweiz“ mitteilt). Bei der Kfz-Haftpflicht kann es sich rechnen, eine verbindliche Auskunft auf die Frage einzuholen, ob diese die Familienkutsche noch für einige Zeit weiter zu versichern bereit ist, auch wenn der Wagen überwiegend (oder gar ausschliesslich) in der Schweiz genutzt werden wird (näheres zum Thema KFZ und Führerschein wiederum in Kürze in einem eigenen Artikel).

Bei uns sah die Vertragsliste überschaubar aus. Meine seit 2006 bestehende Reisekrankenversicherung über sage und schreibe 7.50 EUR / Jahr war schnell gekündigt. Zudem hatte ich eh schon seit Jahren kein Mobilfunk-Abo mehr, und M. konnte ihr Abo problemlos auf eines ohne Grundgebühr umstellen (zumal sie eh auch in Zukunft davon noch gelegentlich Gebrauch machen wird, wenn sie samt unserer Tochter unsere Eltern in Deutschland besucht).

Private Vorsorge in Vertragsform hatte sie noch nie, und bei mir sind das nur eine klassische (vor 2005 abgeschlossene und damit dauerhaft steuerfreie) Rentenversicherung sowie eine ebenfalls seit Beginn meiner Studienzeit laufende Risiko-Berufsunfähigkeitsversicherung (also ohne sinnlose „Kapitalbildung“). In beiden Fällen bat ich um verbindliche Auskunft, ob auch in der Schweiz Versicherungsschutz bestehen wird, in beiden Fällen kam kurz darauf das schriftliche „OK“, also kein Handlungsbedarf ausser Mitteilung der neuen Anschrift, sobald wir in der Schweiz wären.

Fatal sieht es an diesem Punkt übrigens für alle die aus, die in der Riester- oder Rürup-Falle sitzen. Ich möchte an dieser Stelle nicht verurteilen, sich darauf eingelassen zu haben, denn auch wenn ich hier dessen Ineffizienz für Singles vorgerechnet habe, soll es doch tatsächlich Fälle geben, wo es sich auch langfristig gerechnet hätte.

„Hätte“, würde man nun nicht auswandern. Denn sobald ihr keinen Wohnsitz und gewöhnlichen Aufenthalt mehr in Deutschland habt (und damit aus der unbeschränkten Steuerpflicht fallt), ist es auch mit dem Zulagenanspruch für die Riesterrente oder die Steuervorteile der Rüruprente vorbei. Es ist also nicht mehr sinnvoll, diese Verträge noch zu bedienen. Da hilft also höchstens noch, die Verträge beitragsfrei zu stellen, was allerdings aufgrund der undurchsichtigen Kostenstrukturen (es gab da erst kürzlich umfassende Berichterstattung dazu) ebenfalls mit Nachteilen in Form von Verlusten verbunden sein dürfte. Dann lieber ein Ende mit Schrecken (also kündigen), doch auch hier muss man eins beachten: im Fall der Riesterverträge bedeutet eine Kündigung zwangsläufig und unausweichlich eine „förderschädliche Verwendung“, bei Rürup weiss ich es nicht, da mich letzteres noch nie geschert hat. Die Folge ist also, dass sämtliche Förderungen und Steuererstattungen der Vorjahre mit einem Schlag zurückgezahlt werden müssen. Dumm gelaufen, gell? Und als hätte ich es vor Jahren schon geahnt, dass ich wirklich einmal auswandern würde, habe ich um jedwede Form steuerlich „geförderter“ Altersvorsorge stets einen ganz weiten Bogen gemacht.

Theoretisch ein Klotz am Bein ist auch der Telefon/Internet-Vertrag von euch, je nach Restlaufzeit und TK-Unternehmen. Immer noch weit verbreitet sind ja 24-Monats-Abos, gern auch in Verbindung mit gesponserter (bzw. indirekt durch die Grundgebühr querfinanzierter) Hardware, und da werden euch die Firmen sehr ungerne einfach aus dem Vertrag lassen, nur weil ihr auf die Idee kommt einfach auszuwandern. Am einfachsten geht’s so, wie wir es gemacht haben: unser Vertrag mit Versatel wäre noch bis zum 30.06. gelaufen, die Wohnung sollte aber per 31.05. gekündigt werden. Also schrieb ich eine Kündigung (per Einschreiben mit Rückschein versteht sich), in der ich ausdrücklich meine Bereitschaft kundtat, den Vertrag bis zum 30.06. zu bezahlen, aber um komplette Abschaltung des Telefonanschlusses per 31.05. bat. Der Witz: offenbar sieht das zumindest bei Versatel die Software nicht vor, also kann der Anschluss nicht lahmgelegt werden und wäre einem Nachmieter damit im Weg. Genau das will man aber vermeiden, und so bot Versatel uns an, wenn wir entsprechende Nachweise unserer Auswanderung, also idealerweise Abmeldebescheinigung DE und Meldebescheinigung CH (also Aufenthaltsbewilligung), einscannen und per Email rübersenden, wäre man gerne bereit, eine vorzeitige Vertragsauflösung aus Kulanz zu prüfen (dass wir keine gesponserte Hardware hatten, machte es noch leichter).
Genau das tat ich dann Ende April mit Erhalt der Aufenthaltsbewilligung, und kurze Zeit später erhielt ich die ersehnte Bestätigung, dass Versatel den Vertrag per Ende Mai auflösen werde.

Ich kann natürlich überhaupt nicht beurteilen, wie das 1&1, Hansenet und Co. handhaben, und erst recht nicht, wie es mit Sponsor-Hardware im Vertragsumfang aussieht, oder wenn man nicht wie ich seit zig Jahren Stammkunde war, sondern noch als Neukunde zählt. Sicherheitshalber sollte man sich also seelisch darauf vorbereiten, hier einen Vertrag am Bein zu haben, der sich nicht vorzeitig auflösen lässt und für den man noch einige Monate sinnlos weiter bluten muss.
Unsere private Haftpflicht wurde auch einfach gekündigt (etwas Überschneidung mit dem endgültigen Auswanderungstermin sollte man schon einplanen), und auch der Hausrat erging es nicht anders (hier hing ich eigentlich in einem 5-Jahres-Vertrag, aber da die Provinzial erwartungsgemäss das Risiko eine Wohnung im teuren Schweizer Ausland zu versichern nicht eingehen wollte, war die Kündigungsbestätigung nur eine Formsache, sobald ich Abmeldung, Kopie des umgeschriebenen Reisepasses und Schweizer B-Bewilligung einsendete).

Solltet ihr noch weitere Versicherungen über die genannten hinaus haben und nicht wissen, ob eine Kündigung opportun ist, fragt stets einfach nach einer verbindlichen (also insbesondere schriftlichen) Auskunft, ob die Gegenseite nicht von sich aus einen Rückzieher machen wird. Das lichtet den Vertragslistenwald mit einiger Wahrscheinlichkeit deutlich (eben weil die Lebenshaltungskosten und damit meistens auch das versicherte Risiko in der Schweiz wertmässig deutlich höher sind – das kann also auch einfach bedeuten, dass die Prämien steigen würden, womit sich sehr oft ein Sonderkündigungsrecht ergibt).

Macht euch für alle Vertragsverhältnisse, die ihr aufrecht erhalten wollt, schon einmal einen Eintrag in eurer eigenen Todoliste, nach der Ankunft an eurem neuen Wohnsitz in der Schweiz den Vertragspartnern eure neue Anschrift mitzuteilen. Für alles, was ihr vergesst (und das dürfte wirklich jedem passieren, mindestens ein Zeitschriftenabo oder so zu übersehen), richtet einen Nachsendeauftrag bei der Post für alle Haushaltsmitglieder ein – mindestens sechs Monate, idealerweise ein Jahr.
Einschliesslich der Dauer für die schriftlichen Rückläufe und bedingt durch die Weihnachtsferien hatten wir das Thema „Versicherungen und Verträge“ Ende Januar durch.

Ein weiteres wichtiges zu kündigendes Vertragsverhältnis ist natürlich der Mietvertrag eurer Wohnung (sofern ihr kein eigenes Eigentum bewohnt) sowie damit verbunden auch der Vertrag mit eurem Strom- und ggf. eurem Heizenergie-Lieferanten. Hier gilt es wiederum die potenzielle Laufzeitfalle auszuhebeln. Da beides bei uns nicht zutraf, kann ich keine Eigenerfahrung beisteuern, aber ich vermute, dass das ebenso wie der TK-Vertrag einfach zu lösen sein sollte.

Steuererklärung und Gewerbeabmeldung

Ich hatte seit Februar 2000 einen Gewerbeschein, da ich mich zeitweise mal selbständig gemacht hatte, und als nebenberufliches Kleingewerbe hatte ich das Gewerbe auch voriges Jahr noch als Taschengeldlieferant. Daher war ich seit jeher zur Abgabe einer Steuererklärung verpflichtet, und weil ich mich von der „Befreiung von der Verpflichtung zum Ausweis der Umsatzsteuer“ als Kleingewerbetreibender hatte befreien lassen (um Vorsteuer geltend machen zu können), kam noch die Umsatzsteuererklärung dazu.

Per Ende 2010 reichte ich beim zuständigen Ordnungsamt sowie beim Finanzamt die Auflösung des Gewerbes ein, Anfang Januar erledigte ich flugs die Umsatzsteuererklärung für 2010. Tipp: nicht vergessen, dass eine Firmenauflösung nicht selten mit sich bringt, bestimmte Dinge zu behalten (Jargon Finanzamt: „ins Privatvermögen überführt werden“). Diese Privatentnahmen muss man samt Zeitwert mit angeben und anteilig Umsatzsteuer bezahlen.
Ende Januar erledigte ich – ausnahmsweise überpünktlich – meine Jahressteuererklärung für 2010, um den Vorteil einer schnellen Rückzahlung für uns nutzen zu können, denn das Geld konnten wir bei all den noch auf uns zukommenden Kosten sehr gut gebrauchen.

Kontenkonsolidierung

Dank des Gewerbescheins hatte ich mehrere Girokonten, nämlich ein privates und ein geschäftliches. Diese galt es auf eine Bankverbindung zu konsolidieren. Gleichzeitig wollte ich aber sicherstellen, dass das Konto keine unnötigen Gebühren aufwirft, mir eine Maestro- und idealerweise auch noch eine Kreditkarte zur Verfügung stellt, denn früher oder später würden wir mal in Euroland einkaufen oder Urlaub machen, und ausserdem müssen wir ja die Verträge per Lastschrifteinzug weiter bedienen können, die wir weiterhin aufrecht erhalten. Mit der comdirect war ich zwar gut bedient, und das Geschäftsgiro bei einer anderen Bank konnte ich einfach dicht machen (wobei „einfach“ insofern die Realität nicht trifft, weil die Tussi von Bankberaterin, die da für mich zuständig war, es trotz mehrfacher Nachfragen erst nach acht Wochen gebacken bekommen hat, das Konto zu schliessen), aber ich hatte auch noch ein Abrufkonto und ein Aktiendepot bei der ING-DiBa, und die lieferte Girokonto, Maestro- und Visakarte gerne kostenlos dazu – also musste auch comdirect dran glauben.

Sofern also keine Kredite oder dergleichen eine Konsolidierung verhindern, sollte man es ausnutzen, dass man noch einen deutschen Wohnsitz und damit einen aktuellen Datensatz bei der Schufa hat. Denn solange dies noch so ist, bekommt man eigentlich bei jeder gewünschten Bank noch ein Konto samt Dispo und Karten (Bonität vorausgesetzt). Sobald ihr aber sozusagen „weg“ seid, macht das kaum noch eine Bank, da die Konteneröffnung für „Gebietsfremde“ mit hohem Aufwand für die Banken verbunden ist, den sie scheuen (insbesondere die Direktbanken). Einen Bestandskunden aber wandeln praktisch alle Banken klaglos in „gebietsfremd“ um.
Daher noch ein Tipp für die unverbesserlichen „Zinshopper“, die alle sechs Monate die Bank fürs „bessere“ Tagesgeldkonto zu wechseln gewohnt sind: das könnt ihr in Zukunft vergessen, aus genau den zuvor beschriebenen Gründen. Und: falls ihr die Bankverbindung noch vor der Auswanderung wechselt, nicht vergessen alle noch bestehenden Vertragsbeziehungen mit Einzugsermächtigung über das neue Konto zu informieren.

Schufa-Auskunft

Spätestens seit einigen Jahren, seit die Welle deutscher Einwanderer in die Schweiz so zugenommen hat, hat es sich auch bei Schweizer Vermietern herumgesprochen, dass die Deutschen eine Bonitätsauskunft namens SCHUFA haben, deren Informationsgehalt mindestens genau so gut ist wie der des landeseigenen „Betreibungsregisters“. Also ist es sehr wahrscheinlich, dass euch potenzielle Vermieter bei der Wohnungssuche dann alternativ zum Betreibungsregisterauszug nach einer Schufa-Selbstauskunft fragen (es muss die Selbstauskunft sein, weil nur die wirklich informativ ist). Die Selbstauskunft kostet 18.50 EUR, genauso wie der unbefristete Onlinezugang, also kann man auch gleich beides in einem Aufwasch bei der Schufa in Auftrag geben. Haben wir Anfang Dezember 2010 erledigt, die schriftliche Selbstauskunft erreichte mich so noch rechtzeitig vor meinem Flug zur Wohnungsbesichtigung, so dass ich das Original noch einige Male fotokopieren und alles zusammen mitnehmen und den Vermietern vorlegen konnte.

Damit wäre zunächst alles, was grob in den Bereich „Finanzen“ fällt, vorerst erledigt. Das Thema holt einen erst unmittelbar zum Zeitpunkt der Auswanderung wieder ein, wenn es daran geht, ein Konto bei einer Schweizer Bank zu eröffnen und neue Versicherungsverträge abschliessen zu müssen.

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