«

»

Sep 29 2011

Beitrag drucken

Die Zügelei

Bis auf den Dortmunder Spacken interessierte niemanden von Anfang an der genaue Termin, die grobe zeitliche Einordnung „wahrscheinlich in der letzten Märzwoche“ reichte vorerst vollkommen aus, und das war auch gut so, denn wie ich ja schon geschrieben hatte, befand sich unsere Wohnung in der Schweiz ja noch im Bau, und wir wussten daher ja auch noch gar nicht, ob der Zeitplan überhaupt aufgehen würde.

Zeitplanung

Parallel zur Organisation der Zügelei begannen wir auszumisten – bei einigen Möbelstücken stand fest, dass sie einen erneuten Ab- und Aufbau sowie den Transport in die Schweiz eh nicht überstehen würden, und wir trennten uns von sechs randvollen Altkleidersäcken alter Klamotten.

Mal wieder ein kleiner Tipp am Rande: Mit dem Entrümpeln von Keller und Dachboden beginnen und sich erst dann um die eigentliche Wohnung kümmern. Erfahrungsgemäss stapelt sich dort das meiste Zeug, das man entsorgen kann, und ebenfalls quasi ein ungeschriebenes Gesetz ist es, dass am Ende die Zeit knapp zu werden pflegt. Viele Leute stapeln daher von Umzug zu Umzug immer mehr Ramsch, den man eigentlich längst hätte entsorgen können.

Ende Februar lieferte uns die Spedition die Umzugskartons inkl. Packmaterial. Wie vorab besprochen, handelte es sich um gebrauchte professionelle Speditionskartons, die im Mittel deutliche Gebrauchsspuren aufwiesen, aber durch die Bank sauber und stabil waren und ihren Zweck, noch einmalig einen Transport zu überstehen, voll erfüllen würden. Jeder Karton verfügte über einen sauberen grossen Aufkleber, auf dem man den Inhalt und das Zielzimmer vermerken konnte, und das beigelegte Packmaterial (jede Menge Seidenpapier und spezielle Wellpappeblätter fürs Einrollen von Gläsern und Tassen) war so umfangreich ausgelegt, dass wir nun noch genug für einen weiteren Umzug übrig haben.

Zwischen all den anderen noch zu erledigenden Dingen konnten wir so ab Anfang März mit dem Einpacken unseres Hausrats beginnen. Damit die Kartons nicht überall im Weg herumstehen würden, räumten wir unsere Essdiele aus; so konnten wir nahezu sämtliche Kartons ordentlich und stabil in diesem „Halb“zimmer stapeln. Wie im letzten Post als Tipp schon genannt, wurde jeder Karton auf allen sichtbaren Flächen nummeriert und auf dem Aufkleber und einer der Schmalseiten grob der Inhalt angegeben – alle Angaben wurden parallel dazu in einer Liste aufgenommen.

In der ersten Märzwoche erhielten wir dann Post von unserem neuen Vermieter mit dem genauen Übergabetermin. Da quasi zeitgleich insgesamt 22 Wohnungen in 2 brandneuen Gebäuden bezugsbereit und übergeben wurden, wollte die Verwaltung idealerweise auch gleich Zeitfenster fürs Zügeln zuteilen (keine Ahnung, in wie weit dies für die Schweiz repräsentativ ist, für uns Deutsche mutet das auf jeden Fall erst einmal ungewohnt an). In unserem Schreiben stand etwa folgender Wortlaut: „Wir möchten am 30.03. um 11:00 Uhr die Wohnungsübergabe mit Ihnen durchführen; direkt im Anschluss können Sie dann in Ihre neue Wohnung zügeln“, und „wir bitten um Rücksichtnahme auf Ihre Mitmieter, da an jedem Tag bis zu drei Übergaben stattfinden“.

Tja, da hatten wir anscheinend ein Problem. Der vorgeschlagene Übergabetermin war zwar vollkommen in Ordnung (wenngleich unser Terminplan damit absolut auf Kante genäht war, da ich ja schon am 01.04. meinen ersten Arbeitstag haben würde), aber der Passus mit dem direkt anschliessenden Einzug gefiel uns gar nicht. Also rief ich bei der Verwaltung an und erkundigte mich sicherheitshalber, ob das wirklich so gemeint wäre wie wir es interpretierten. „Ja, natürlich“, lautete die Auskunft. „Tja, tut mir schrecklich leid, aber dann haben wir ein Problem – wir zügeln ja nicht nur ein paar Kilometer wie die meisten anderen, sondern kommen über fast 700 km entfernt aus Deutschland. Unsere Spedition muss am Vortag einpacken und fährt über Nacht bis zur Grenze, und voraussichtlich ab 8 Uhr wären die dann vor Ort. Ich kann ein halbes Dutzend Leute nicht vier Stunden lang einfach däumchendrehend da warten und sitzen lassen, wer soll das denn bezahlen?“ – „Oh, das haben wir in der Tat nicht bedacht. Ja, hm, lassen Sie mich bitte mal schauen…..(fängt an zu räumen und zu kramen)“.

Ich wiederum: „Bitte, ich möchte Ihnen da auch keine riesigen Umstände machen, Sie haben da ja offenbar schon alles organisiert. Wie viele Parteien zügeln denn am 31.03.?“ – „Niemand.“ – „Na ist doch perfekt, was halten Sie denn von folgendem Vorschlag? Wir führen die Übergabe durch wie von Ihnen geplant, aber ich lasse unseren Hausrat dann erst am 31. kommen – so stören wir mit dem dicken Laster dann auch keine unserer Nachbarn.“ – „Ja, das ist eine super Idee, so können wir das machen. Ich halte das bei uns schriftlich fest, dann passt das“. Mit dieser Lösung fiel uns ein Stein vom Herzen, entsprach die Vorgehensweise doch auch eher unserer eigenen Planung.

Direkt im Anschluss teilte ich der Spedition den endgültigen Termin mit. Bis Mitte März brauchten die dann zur Vorbereitung der Zollformalitäten noch diverse zuvor besprochene Unterlagen von uns:

  • Vollständig ausgefülltes und unterschriebenes Zollformular 18.44 inkl. Übersiedelungsgutliste
  • Zusicherung der Aufenthaltsbewilligung (gibt es für EU15/EFTA-Bürger formell nicht mehr, allerdings erhält der zukünftige Arbeitgeber nach Einreichung des Antrags immer noch ein Schreiben zur Bestätigung des vollständigen Eingangs aller erforderlichen Unterlagen, und das nimmt der Zoll gerne als informelle Zusicherung)
  • Kopie des Arbeitsvertrags (Beträge können geschwärzt sein)
  • Kopie Abmeldebescheinung aus Deutschland
  • Kopie Reisepässe aller einwandernden Familienmitglieder
  • Kopie Mietvertrag

Je mehr dieser Unterlagen verfügbar sind, desto besser. Für die Vorabüberstellung der Unterlagen reichen Scans bzw. Fotokopien völlig aus, lediglich 18.44 und die Übersiedelungsgutliste muss der Fahrer der Spedition am Tag der Überführung der Sachen im Original mitführen.

Unsere endgültige Planung: ich reise am 29.03. mit dem Wagen, Brotbackautomat samt Stromadapter, ein paar Lebensmitteln und unseren wertvollsten Dokumenten in die Schweiz und übernachte bei einem Bekannten von M. an der Zürcher Goldküste. Von dort aus fahre ich am 30.03. dann weiter und wickle die Wohnungsübergabe ab, um anschliessend einige Besorgungen zu erledigen und Brot für die Möbelpacker als Verpflegung vor Ort zu backen. Gleichzeitig rückt die Spedition am 30.03. an unserer alten Wohnung an und räumt sie leer, überwacht von M.. Die Spediteure bringen den LKW anschliessend auf ihren Werkshof, gehen früh schlafen und beginnen gegen 22 Uhr die Reise Richtung Deutsch/Schweizer Grenze Weil am Rhein, wo sie in den frühen Morgenstunden des 31.03. ankommen. Ankunft im Raum Luzern bei unserer neuen Wohnung dann am Vormittag, wo dann der LKW entladen und alle Möbel am richtigen Platz wieder montiert werden.

M. musste noch bis Mitte Mai in Deutschland bleiben, bis ihr Mutterschutz begann. Daher blieben einige wenige Sachen in unserer alten Wohnung, in der sie es sich dann für die nächsten sechs Wochen „gemütlich“ machen würde. Für die Nacht vom 30. auf den 31. in unserer noch komplett leeren neuen Wohnung hatte ich aufblasbares Bett, Isomatte und Schlafsack dabei.

Der Zügeltag

Die Realität lief denn auch beinahe exakt wie geplant ab. Am Tag vor meiner Ausreise meldete ich mich vollständig in Deutschland ab, eine Kopie der Abmeldebescheinigung reichte ich noch bei der Spedition ein (man sollte die Bescheinigung unbedingt hochauflösend einscannen und gut und sicher archivieren – später gibt es noch etliche nützliche Anwendungsfälle für das Ding). Die Spedition wiederum sorgte am selben Tag noch für ein amtliches Parkverbot vor unserer Wohnung und rückte pünktlich zum Einpacken an, während ich parallel dazu in Malters die Wohnung entgegen nahm (alles fein säuberlich auf einer fünf Seiten langen Übergabeliste schriftlich fixiert). Ungeplant war lediglich die lange Wartezeit an der Grenze am darauf folgenden Morgen, so dass der LKW nicht wie geplant um 08:00 Uhr, sondern erst gegen 11 in Malters ankam. Dennoch wurden die Leute der Spedition zeitig fertig, Ausladen des LKW und Aufbauen der Möbel dauerte gerade einmal bis 15 Uhr.

Anmeldung, Strom, Telefon/Internet, Eingewöhnen

Am 01.04. meldete ich mich auf der Gemeinde an. Das muss innert acht Tagen ab Datum der Einreise erfolgen und schliesst die Beantragung der Aufenthaltsbewilligung ab. Daher muss man zur Anmeldung auch ein biometrisches Passfoto mitbringen. Zusätzlich hatte ich noch Kopien unseres Mietvertrags und meines Arbeitsvertrags dabei. Zwei Wochen später erhielt ich Post vom Bundesamt für Migration in Luzern mit einem Termin zum persönlichen Vorstellungsgespräch direkt nach Ostern, in dessen Anschluss ich dann meine B-Bewilligung ausgehändigt bekäme.

Beim Gemeindeamt erhielt ich eine dicke Willkommensmappe mit etlichen Informationen rund um die Gemeinde, einen Abfallkalender, zur Mülltrennung und und und – und ein Anmeldeformular zur Billag. Das ist die hiesige Form der deutschen GEZ und anders als diese nicht gerätebezogen, sondern eine Haushaltsabgabe, der man nicht entgehen kann. Es ist dringend davon abzuraten, einen solchen Versuch zu unternehmen, denn das wäre quasi zwangsläufig zum Scheitern verurteilt und kostet schlanke 5‘000 Stutz extra. Die reguläre Billaggebühr beträgt 38.55 CHF pro Monat, und derzeit wird von monatlicher Rechnungstellung auf eine jährliche Vorauszahlung umgestellt. Die Billaganmeldung habe ich noch am gleichen Tag ausgefüllt und eingeworfen – für den April mussten wir effektiv keine Gebühren zahlen, für Mai gab es noch eine Monatsrechnung, und zum Juni traf uns dann schon die Umstellung auf die Jahresgebühr, die allerdings mit einem Zahlungsziel von mehr als 90 Tagen erst jetzt im September beglichen werden muss.

Um die Anmeldung beim örtlichen Stromanbieter (so offen wie in Deutschland ist der hiesige Markt nicht, de fakto herrschen hier überwiegend noch Gebietsmonopole vor) hat sich unser Vermieter gekümmert; man sollte aber sicherheitshalber „seinen“ Stromzähler im Haus ausfindig machen und den Zählerstand direkt beim Einzug notieren.

Eine sehr wichtige Beschaffung hingegen, die ich schnellstmöglich erledigen wollte, war die Versorgung mit Telefon und Internet. Das sollte man wirklich asap erledigen, denn anderenfalls fressen einen die Roaminggebühren eines stattdessen vorerst weiter genutzten deutschen Mobilfunkangebots buchstäblich auf. In nur zehn Tagen und weniger als 30 Minuten echter Telefonierzeit mit M. habe ich mehr als 45 EUR durch den Kamin gejagt, zum Grossteil halt wegen unverschämt hoher Roaminggebühren, die seitens callmobile ausserhalb der EU einkassiert werden.

Gross ist die Auswahl hier anders als in Deutschland nicht. Eigentlich hat man fast nur die Wahl zwischen Swisscom (der hiesige Platzhirsch für Festnetz und DSL), UPC Cablecom (der Platzhirsch in Sachen Kabelfernsehen und Internet übers Kabel) und einigen lokalen Kabelnetzbetreibern. Da unser Kabelanschluss schon als Nebenkostenbestandteil der Miete abgerechnet wird (und der Anbieter eben genau einer dieser Lokalanbieter ist), fiel Cablecom aus der Rechnung gleich raus. Swisscom sagte mir einfach nicht zu (sehr teuer für deutsche Verhältnisse, der Telefonanschluss hätte unter Beizug eines Elektrikers – was für sich schon einige hundert Stutz extra kostet – aktiviert werden müssen, und ich hätte irgendwie die Firmware unserer Fritzbox 7270 auf AnnexA umpatchen müssen. Im Vergleich dazu war das Angebot des Kabelanbieters ein Schnäppchen: Telefonie mit einer Semiflat (1‘000 min/Monat inkl.) und Internet mit 12 MBit down / 800 KBit up als Vollflat für 84.00 CHF pro Monat, fürs Kabelmodem fällt nur eine einmalige Kaution von 120 CHF an, und der Vertrag ist jährlich kündbar. Die Fritzbox lässt sich problemlos als Router „hinter“ dem Kabelmodem weiternutzen, und sogar der Telefonanlagenteil ist mit etwas Bastelei (man muss sich selbst ein passendes Kabel crimpen) direkt nutzbar.

Wie lange es dauerte, bis ich den Anschluss nutzen konnte, fragt ihr? Nun, am 06.04. bin ich in den örtlichen Laden zur Beauftragung des Anschlusses, zwei Tage später sollte ich das Kabelmodem abholen kommen, und noch am selben Abend war der Anschluss schon „scharf“ und freigeschaltet.

Will man anschliessend nicht innert kurzer Zeit mit etlichen Werbeanrufen bombardiert werden, sollte man es in Erwägung ziehen, den Eintrag im Telefonbuch mit einem Sternchen versehen zu lassen (bedeutet so viel wie „bitte keine Werbeanrufe“ und ist sogar halbwegs wirksam) sowie sich in die Robinsonliste der Werbewirtschaft eintragen (die hält nicht nur den Anrufbeantworter, sondern gleich auch den Briefkasten mit sauber).

Praxistipp VoIP

Zum Abschluss heute noch ein sehr wertvoller Tipp, um die Telefoniekosten mit den Freunden und Verwandten in Deutschland zu senken: legt euch, idealerweise noch vor der Auswanderung, also so lange ihr noch eine deutsche Hauptanschrift habt, einen Voice over IP Account mit deutscher Telefonnummer zu. Ich habe das beispielsweise bei Sipgate gemacht, geht dank automatisierter Abfrage der Wohnanschrift bei der Schufa online in Minutenschnelle. Damit habt ihr dann innerhalb der Schweiz eure Schweizer Festnetznummer, und für Telefonate nach Deutschland telefoniert ihr konsequent mit der VoIP-Nummer. Bei uns macht das einen Unterschied von 0.10 CHF pro Minute gegenüber 1.79 €c / min, also gut 80 Prozent Preisersparnis. Und umgekehrt können die deutschen Freunde und Verwandten üblicherweise für lau bei euch anrufen, da in Deutschland ja inzwischen fast jeder eine echte Flatrate ins Festnetz hat (und ihr habt ja eine deutsche VoIP-Nummer mit deutscher Ortsvorwahl, gell).

In unserer Fritzbox kann man das dann auch noch toll konfigurieren, dass je nach angerufener Nummer das passende Mobilteil bimmelt, und durch Wahlregeln kann die Box auch selbständig feststellen, wann ihr nach Deutschland telefoniert (und wählt dann selbst zwischen Festnetz und VoIP).

So gaaaaanz sauber ist der Trick zwar nicht, weil man genau genommen keine deutsche Festnetznummer mehr haben darf, wenn man keinen deutschen Wohnsitz mehr sein eigen nennt – falls einen gar zu sehr das schlechte Gewissen plagen sollte, kann man aber die Nummer ja auch einfach auf Eltern oder Geschwister in Deutschland laufen lassen.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.caits.de/2011/66/die-zuegelei

1 Kommentar

  1. Ben

    Hey, schön zu sehen das du wieder aktiv blogst :=). Wollte eben auf deiner Seite schauen ob es eine aktualisierte Version von Binary Blue gibt und bin dann auf das wunderbare Theme gestoßen, was du nutzt.
    Top :=)

Kommentare sind deaktiviert.